Orgel solo: zuversichtlich

31.10.2026 |

Barocker Glanz und französische Romantik an der Winterhalter-Orgel

Ein Orgelkonzert in der Stadtkirche St. Martin bildete den Abschluss des diesjährigen Martinifest-Wochenendes. Im Rahmen der „Musikkirche Tauberbischofsheim“ präsentierte der Organist Dr. Axel Flierl ein Programm, das sich zwischen dem Barock und der französischen Romantik bewegte. Das Konzert stand unter dem Leitwort „zuversichtlich“.
Pfarrer Thomas Holler griff dieses Motto zu Beginn auf und ging auf die gegenwärtige gesellschaftliche Lage ein. Die aktuelle Stimmung im Land sei von Krisen, Kriegen und Konflikten geprägt, während viele Menschen zudem von persönlichen Sorgen und Nöten bedrückt würden. „Wo bleibt die Zuversicht?“, fragte der Geistliche. Er zeigte auf, dass Menschen schon immer unterschiedlich mit schweren Zeiten umgegangen seien: Während manche sich ins Vergnügen stürzten oder die Realität verdrängten, wandten sich andere im Gebet an Gott, um die Gegenwart in der Hoffnung auf ein ewiges Leben zu überstehen.
Die Musikauswahl nahm zudem Bezug auf die zeitgleich stattfindende Martini-Messe, bei der auch die deutsch-französische Freundschaft und die Partnerschaft Tauberbischofsheims mit Vitry im Mittelpunkt standen. Flierl griff dieses Thema programmatisch auf und schlug mit Werken deutscher und französischer Komponisten eine Brücke zwischen den Kulturkreisen.
Das musikalische Fundament bildete die Winterhalter-Orgel der Stadtkirche. Den Auftakt gestaltete Flierl mit Auszügen aus François Couperins „Messe pour les convents“ (1690), bei denen er die verschiedenen Registrierungen wie das „Récit de Chromorne“ und den abschließenden „Dialogue“ entfaltete.
Mit dem „Concerto C-Dur BWV 595“ und zwei Choraltranskriptionen von Johann Sebastian Bach leitete Flierl zum deutschen Gegenpol über. Pfarrer Holler nahm die Darbietung von „Ertöt’ uns durch Dein’ Güte“ (bearbeitet von Maurice Duruflé) und „Nun danket alle Gott“ (in der Version von Virgil Fox) zum Anlass, auf die Entstehungszeit der Werke zu verweisen. Bachs Musik sei „klanggewordenes Gottvertrauen“, das in den dunklen Jahren des Dreißigjährigen Krieges entstand, als das Leid jeden jederzeit treffen konnte. Wie damals könne diese Musik das Gottvertrauen auch heute stärken.
Mit dem Choral „Nun danket alle Gott“ verband Holler den Gedanken, dass Dankbarkeit die Beziehung zu Gott festige. Gerade Anlässe zur Dankbarkeit – wie dieses gemeinsame Konzerterlebnis – „stärken die Menschen innerlich und lassen sie zuversichtlich in die Zukunft schauen“.
Der zweite Teil des Programms widmete sich der französischen Orgelmusik des 19. und 20. Jahrhunderts. Auf die „Trois Improvisations“ von Louis Vierne folgte Léonce de Saint-Martins „Méditation sur le Salve Regina op. 12“. Dieses Werk verknüpfte Holler mit einer theologischen Botschaft: Das „Salve Regina“ erinnere daran, dass Maria als leidender Mensch ein Zeichen der Hoffnung auf ein gutes Ende ist und für die Menschen bei Gott eintritt. 
Mit dem „Choral III a-Moll“ von César Franck endete das reguläre Programm. Flierl überzeugte hierbei durch sein präzises und feinfühliges Spiel, das die Struktur des spätromantischen Werkes transparent machte.
Das Publikum reagierte auf den Abend mit lang anhaltendem Applaus im Stehen. Als harmonischen Ausklang spielte Dr. Axel Flierl schließlich eine elegant vorgetragene „Aria“ von Georg Friedrich Händel als Zugabe – und entließ die Zuhörer spürbar gestärkt und zuversichtlich in den Alltag.
Ulrich Feuerstein