Sommerträume

Wenn die Tage am längsten sind und das Jahr auf seiner Höhe steht, entfaltet die Natur ihre ganz eigene Magie.

Dieses Gefühl von Wärme, Licht und der Sehnsucht nach Ruhe fing die Musikkirche Tauberbischofsheim bei ihrer jüngsten Abendmusik mit dem EnsembleVokal ein. Unter dem Motto „Sommerträume“ erlebte das Publikum bei zwei Konzerten in den Pfarrkirchen St. Markus Distelhausen und St. Peter und Paul Gissigheim einen Klangzauber, der den Bogen vom strahlenden Sommertag bis in die tiefste Nacht spannte. Die sorgfältig ausgewählten Chorsätze und Arrangements verschmolzen zu einer Reise durch die Jahrhunderte, die Genregrenzen mühelos überwand.
„Der Wechsel der Jahreszeiten hat die Menschen schon immer bewegt“, erklärte Pfarrer Thomas Holler. In Distelhausen gab er geistliche Impulse, die zum Nachdenken anregten. Der Sommer steht in Hollers Augen für die schönen Seiten im Leben, für Wachstum, Wohlbefinden und Lebensfreude. Christen sehen in der Schönheit der Schöpfung, so Holler, die gestaltende Hand Gottes und sind dankbar für die Gaben der Natur.
Pfarrer Franz Lang ermunterte in Gissigheim die Zuhörer, Gottes frohe Botschaft in die Welt zu tragen. Das dürfen sie seiner Meinung nach mit Zuversicht tun: „Gott ist immer bei uns, auch wenn wir es nicht bemerken.“ Er lasse die Seinen nicht im Stich, „nicht in den dunklen Stunden unseres Daseins, nicht am Abend unseres Lebens.“
Der Auftakt des Programms widmete sich ganz dem Aufblühen der Natur und der Lebensfreude. Mit Max Bruchs „Sommerlied“ (op. 60,2) eröffnete das Ensemble – Julia Kohler, Marianne Lienich-Prößner (beide Sopran), Ulrike Lauer, Sabine Ultes (beide Alt), Achim Klein, Mathias Gutemann (beide Tenor) sowie Hendrik Edzards und Thomas Martin (beide Bass) – das Konzert mit romantischer Innigkeit. Arnold Mendelssohns Vertonung des Luther-Textes „Die beste Zeit im Jahr ist mein“ setzte diesen Gedanken mit polyphoner Klarheit fort. Die musikalische Zeitreise reichte dabei weit zurück: Johann Steurleins Renaissance-Satz „Das Jahr steht auf der Höhe“ bestach durch seine schlichte, aber eindringliche Textverständlichkeit, die den Höhepunkt des Jahreskreises feierte.
Einen skandinavischen Farbtupfer fügte Waldemar Åhléns berühmter „Sommarpsalm“ hinzu. Seine schwebende Melancholie und die nordische Klarheit ließen die Sehnsucht nach den endlosen, hellen Nächten des Nordens im Kirchenraum spürbar werden. Mit Moritz Hauptmanns „Im Sommer“ (op. 25,1) kehrte das Programm zur deutschen Romantik zurück, ehe Bernhard Kleins feierliche und getragene Vertonung des 23. Psalms „Der Herr ist mein Hirt“ eine Brücke von der Natur zur geistlichen Zuversicht schlug.
Mit dem Verblassen des Tageslichts wandelte sich auch die Atmosphäre der Abendmusik. Robert Volkmanns „Abendlied“ leitete elegant den Übergang zur Dämmerung ein. Dass „Sommerträume“ nicht nur in der klassischen Tradition wurzeln, bewiesen die folgenden modernen Klassiker. Das Ensemble präsentierte George David Weiss’ Welthit „What a Wonderful World“ im filigranen Arrangement von Norbert Hanf. Hier zeigte sich die Wandelbarkeit des Chores, der den optimistischen Jazz-Klassiker mit warmem, rundem Klang füllte. Nahtlos fügte sich George Gershwins ikonisches „Summertime“ an, arrangiert von Hermann Platzer. Die typischen, bluesigen Harmonien und die wiegende Rhythmik evozierten die flirrende, schwere Hitze einer Sommernacht und bildeten einen faszinierenden Kontrast zu den europäischen Chortraditionen.
Der letzte Teil des Konzerts stand ganz im Zeichen der inneren Einkehr und des Schlafs. Johannes Brahms’ Meisterwerk „Waldesnacht“ (op. 62,3) faszinierte durch seine dichten Harmonien und die dynamische Feinabstimmung, die das Rauschen des Waldes und die Stille der Seele perfekt abbildete. Dem stand Johann Sebastian Bachs Choral „Nun ruhen alle Wälder“ in seiner zeitlosen, polyphonen Erhabenheit gegenüber. Einen gesanglichen Höhepunkt bildete Joseph Gabriel Rheinbergers sechsstimmiges „Abendlied“ (op. 69,3). Die dichte, sakrale Klangpracht dieses Werkes füllte den Kirchenraum bis in den letzten Winkel aus und hinterließ beim Publikum sichtliche Ergriffenheit.
Die Verbindung von Tradition und Moderne gipfelte in einer Chorimprovisation über das Brahms-Lied „Guten Abend, gut’ Nacht“, die dem vertrauten Wiegenlied ganz neue, überraschende Klangfarben abgewann. Mit dem Abendsegen „Abends will ich schlafen gehn“ aus Engelbert Humperdincks Oper „Hänsel und Gretel“, im zeitgenössischen Arrangement von Ulrich Kaiser, entfaltete sich noch einmal ein inniger, fast intimer Moment des Trostes. Den runden Abschluss dieses außergewöhnlichen Abends bildete James E. Moores weit verbreitetes „An Irish Blessing“. Der warme, harmonische Chorsatz entließ die Zuhörer mit einem Gefühl von Frieden und tiefer innerer Ruhe in die laue Sommernacht.
Ein Konzert, das bewies, wie fließend die Grenzen zwischen Geistlichem und Weltlichem, zwischen Vergangenheit und Gegenwart sein können. Zugleich stieß es die Tür in eine andere Welt auf, in die man im Traum schon hineinschauen kann, um eine Ahnung davon zu bekommen, was es heißt, vom Tod ins ewige Leben zu gelangen.
Ulrich Feuerstein