Schöpfung

Erwacht ein Universum aus dem Nichts, dann enden die Worte – und es beginnt die Urgewalt des Klangs.

Am Pfingstsonntag verwandelte die Stadtkirche St. Martin sich in das Zentrum eines musikalischen Kosmos. Als Höhepunkt der diesjährigen Konzertreihe der „musikkirche Tauberbischofsheim“ kam Joseph Haydns monumentales Oratorium „Die Schöpfung“ zur Aufführung. Das Publikum wurde dabei Zeuge einer doppelten Sternstunde, die bewies, wie zeitlos lebendig, farbenreich und überraschend modern dieses Meisterwerk von 1798 bis heute geblieben ist.
Den spirituellen Rahmen des Abends steckte Pfarrer Thomas Holler zu Beginn ab. „Haydns Werk weist weit über die bloße Naturbetrachtung hinaus“, betonte er in einem geistlichen Impuls. Es animiere zum Staunen, erinnere an die menschliche Verantwortung zur Bewahrung der Schöpfung und sei eine unausgesprochene Aufforderung, die Harmonie der Natur auch in der Menschheit anzustreben. Gerade in einer Zeit vielfältiger gesellschaftlicher Spannungen, so Holler, biete das Oratorium einen wertvollen Impuls, sich auf die gemeinsamen Grundlagen des Menschseins zu besinnen – eine hoffnungsvolle Zukunftsperspektive, die auch nach über zwei Jahrhunderten nichts von ihrer Aktualität verloren hat.
Das Werk beginnt dort, wo jede Vorstellungskraft versagt: im Urzustand der Welt. Haydn bricht in der instrumentalen Einleitung, der „Vorstellung des Chaos“, radikal mit den traditionellen Formgesetzen seiner Epoche. Durch kühne Chromatik, harmonische Unbestimmtheit und das bewusste Verweigern erlösender Kadenzen macht er die Unordnung der Materie physisch greifbar. Doch dieses Chaos birgt nichts Dämonisches. Es ist im Sinne einer aufgeklärten Theologie die „creatio ex nihilo“ – der noch ungeformte Zustand, der sehnend auf den ordnenden Geist Gottes wartet.
Der darauffolgende Moment gilt als eine der wirkmächtigsten Zäsuren der Musikgeschichte. Nach dem leisen, fast flüsternden Rezitativ der Engel bricht beim Wort „Licht“ das gesamte Orchester in einem monumentalen, strahlenden C-Dur-Akkord im Fortissimo aus. Haydn komponiert hier nicht nur ein biblisches Wunder; er setzt der Aufklärung ein akustisches Denkmal. Das Licht steht symbolisch für die Vernunft, die die Finsternis des Aberglaubens vertreibt.
Wie unmittelbar und zugänglich diese Ausdruckskraft ist, zeigte sich
 bereits am Nachmittag. In einer feinsinnig für Kinder, Jugendliche und Familien bearbeiteten Fassung von Michael Gusenbauer wurde die Entstehung der Welt greifbar und verständlich aufbereitet.
Das rund einstündige Familienkonzert geriet zu einem lebendigen Fest der Generationen: Ein generationenübergreifender Chor aus Erwachsenen und den Mitgliedern des Kinder- und Jugendchors „Mini-Maxis“ erzählte gemeinsam mit den Gesangssolisten und dem großen Orchester die Schöpfungsgeschichte. Wenn Meere wogten und Vögel sangen, strahlte die Musik eine spielerische Leichtigkeit aus, die die jungen Zuhörer tief berührte. Für heitere Momente sorgten Michael Gusenbauer als zerstreuter Professor sowie Elisa Block und Frederik Vierneisel von den „Mini-Maxis“.
Am Abend entfaltete das Oratorium schließlich in seiner originalen Gestalt seine ganze geistige Tiefe und große Emotionalität. Unter der präzisen und feinfühligen musikalischen Leitung von Bezirkskantorin Julia Kohler verschmolzen die archaischen Naturschilderungen zu einem packenden Gesamtkunstwerk. Das renommierte Barockorchester „L’arpa festante“ musizierte auf historischem Instrumentarium gewohnt farbenreich und dynamisch pointiert.
Das Solistentrio verlieh den Figuren der Erzengel und Urmenschen eine zutiefst menschliche und glanzvolle Dimension. Stella-Verona Ulrich brillierte als „Gabriel“ und „Eva“ mit einem glasklaren Sopran, der in den virtuosen Koloraturen mühelose Leichtigkeit versprühte. Johannes Mayer verlieh dem „Uriel“ mit exzellenter Textverständlichkeit und lyrischer Leuchtkraft heldenhafte Spannkraft. Als sonores Fundament überzeugte Florian Kontschak („Raphael“/„Adam“), dessen charaktervoller Bass besonders in den plastischen Tiefen der Naturschilderungen beeindruckte. In den anspruchsvollen Terzetten verschmolzen die drei Stimmen zu einer homogenen Einheit von seltener Schönheit.
Gemeinsam mit dem exzellent disponierten Kammerchor „camerata vocale“ gelang eine Interpretation von beachtlicher Plastizität. Im dritten Teil, der ganz das Paradiesglück von Adam und Eva in den Fokus rückt, entfalteten Chor und Solisten ein musikalisches Bild voll vollkommener Harmonie und Zuversicht.
Besonders in den monumentalen Chorsätzen wie „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ wurde die theologische und humanistische Dimension des Werkes spürbar. Der Chor agierte hier nicht nur als staunender Beobachter, sondern als jubelnde, demokratische Stimme der gesamten Schöpfung. Er verließ seine rein kommentierende Rolle und wurde zum tragenden Fundament, das Gott nicht in Furcht, sondern in aufgeklärter, kollektiver Dankbarkeit preist.
Das Pfingstkonzert in St. Martin hat eindrucksvoll bewiesen: Haydns „Schöpfung“ bleibt ein zeitloses Plädoyer für den Glauben an das Gute und die Ordnung in der Welt. Ein langanhaltender, stehender Applaus war der verdiente Lohn für alle beteiligten Akteure dieses außergewöhnlichen Konzerttages.
Ulrich Feuerstein