Chormusik Singet dem Herrn

Mehr als eine bloße Aufforderung zum Musizieren: Das ist der Bibelvers „Singt dem Herrn ein neues Lied“. 

Er war auch das Motto für das Konzert der Hallenser Madrigalisten in der Martinskirche. Das Ensemble unter der Leitung von Tobias Löbner sang geistliche Chormusik von Heinrich Schütz bis Arvo Pärt. Die jüngste Veranstaltung im Rahmen der „Musikkirche Tauberbischofsheim“ bot musikalischen Hochgenuss mit tiefgreifenden theologischen Botschaften.
„Wir Christen sind aufgefordert, unsere Anliegen vor Gott zu bringen“, erklärte Pfarrer Thomas Holler. Sein geistlicher Impuls stimmte ein auf das außergewöhnliche Konzert. Der biblische Vers vom „neuen Lied“ fordert seinen Angaben zufolge dazu auf, die Beziehung zu Gott immer wieder frisch und lebendig zu gestalten, statt nur alte Formeln zu wiederholen. Tradition und Innovation seien keine Gegensätze, sondern beide notwendig, um Gottes Wirken angemessen zu feiern.
Die Hallenser Madrigalisten verbanden bei ihrem Auftritt Altes und Neues zu einem harmonischen Wohlklang. Werke von Heinrich Schütz markierten den Ausgangspunkt des Abends, gefolgt von romantischen Kompositionen Felix Mendelssohn Bartholdys und ergänzt durch Musik von Hugo Distler sowie dem zeitgenössischen estnischen Komponisten Arvo Pärt.
Ein Lobpreis der Schöpfung eröffnete das Konzert. Heinrich Schütz‘ Choral „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ aus der „Geistlichen Chormusik“ entstand am Ende des Dreißigjährigen Krieges und sollte in einer Zeit des politischen und kulturellen Neuanfangs Orientierung bieten. Die faszinierende Komposition verschmolz die mathematische Ordnung des Kosmos mit der emotionalen Bewunderung für die Schöpfung. Der Chor entwickelte dabei ein dynamisches Klangbild, das die Unermesslichkeit des Kosmos widerspiegelte, indem die Stimmen ständige abwechselten und sich ineinanderschoben.
Hugo Distlers „Lobet den Herren“ entpuppte sie als moderne Version desselben Anliegens. Bei der schlanken und rhythmisch komplexen Struktur bleib der Chorklang stets durchsichtig und klar, was den jubelnden, aber disziplinierten Charakter des Lobpreises unterstrich.
Von einer tiefen, meditativen Melancholie und klanglichen Dunkelheit geprägt waren Thomas Tallis’ „Lamentations of Jeremiah“. Die Klage über das zerstörte Jerusalem wechselte zwischen komplex verwobenen Melodielinien und schlichten, akkordischen Passagen, was für dramatische Kontraste sorgte.
Maurice Duruflés Motetten – wie das vom Chor gesungene „Ubi caritas“ und „Tantum ergo – wirkten wie eine moderne Antwort auf den Renaissance-Meister. Die alten einstimmigen Choräle waren in ein kunstvolles, polyphones Geflecht eingeflochten, was eine meditative, ja transzendente Stimmung schuf.
Emotionale Innigkeit und romantischen Wohllaut brachte der Chor mit Francis Poulencs „Salve Regina“, Felix Mendelssohn Bartholdys „Jauchzet dem Herren, alle Welt“ und Peter Cornelius‘ „Ich will dich lieben, meine Krone“ ins Spiel. Während bei Mendelssohn der ungebrochene Jubel dominierte und Cornelius die mystische Liebe und Hingabe thematisierte, brachte Poulenc die marianische Demut ein. Die drei Werke stellten die „warme Mitte“ dar. Sie milderten die herbe Strenge von Schütz und Distler und gaben dem Programm eine menschliche, fast körperlich spürbare Schönheit und Wärme.
Mit eindringlichen Appellen zum Frieden beendeten die Hallenser Madrigalisten ihren Konzertabend. Den Auftakt bildeten Heinrich Schütz und sein „Verleih uns Frieden“. Die Komposition verband die handwerkliche Strenge des Kontrapunkts mit der emotionalen Tiefe des menschlichen Wortes und schuf damit das Fundament für die weiteren Darbietungen.
Knut Nystedts „Peace I Leave with You“ – ein Klassiker der modernen Chormusik –schlug eine Brücke zwischen Tradition und Moderne. Enge Akkordschichtungen erzeugten sie einen leuchtenden, schwebenden Klang, der den überirdischen Frieden Gottes symbolisierte.
Arvo Pärts „Da pacem Domine“ markierte die radikalste Zuspitzung der Tendenzen, die zuvor schon bei Tallis, Distler, Duruflé und Nystedt zu hören waren. Es wirkte fast wie die Essenz aus all diesen Werken, reduziert auf das absolute Minimum. Im Ergebnis herrschte eine unendliche, objektive Ruhe, die Zeit schien stehenzubleiben.
Darius Milhauds „Cantate de la Paix“, vertont auf einen Text von Paul Claudel, brachte eine völlig neue Farbe in das Konzert. Während Pärt oder Nystedt den Frieden als inneren, meditativen Zustand beschrieben, war Milhauds Frieden politisch, menschlich und kraftvoll. Die tiefen Männerstimmen und die hellen Frauenstimmen symbolisierten die Generationen, die gemeinsam um Frieden bitten.
So schloss sich der Kreis: Die Dramaturgie von Schütz’ barocker Dringlichkeit bis hin zu Pärts statischer Ewigkeit fügte sich zu einem stimmigen Ganzen.
Ulrich Feuerstein