50 Jahre Bezirkskantorat: Mit einer festlichen Abendmusik in der Martinskirche begingen Absolventen, Verantwortliche und Freunde das Jubiläum.
Ein Chor aus aktuellen und ehemaligen Schülern sowie Sängern des Chors St. Martin war zu hören. Thomas Drescher, Michael Meuser und Julia Kohler übernahmen abwechselnd die Leitung und spielten an der Orgel.
„Die Einrichtung der Bezirkskantorate hat die Kirchenmusik auf eine neue Grundlage gestellt“, erklärte Julia Kohler. Die amtierende Bezirkskantorin in Tauberbischofsheim nannte sie einen zukunftsträchtigen Schritt, die die kirchenmusikalische Qualität in der Fläche gesichert und konzertante Leuchtturmprojekte möglich gemacht habe. 180 Personen haben Kohlers Berechnungen zufolge in den vergangenen 50 Jahren an dem vielfältige Unterrichts- und Kursprogramm für Anfänger, Quereinsteiger und ambitionierte Musiker teilgenommen. Es freute sie besonders, dass gerade junge Leute sich für die Kirchenmusik begeistern lassen.
„Mit den Bezirkskantoraten hat die Kirchenmusik an Ausstrahlung und Prägekraft gewonnen.“ Davon zeigte Kohler sich überzeugt. Eine Veranstaltungsreihe wie die „Musikkirche Tauberbischofsheim“ habe überregionale Bedeutung erlangt. Zugleich wirke die Musik als Bindeglied zwischen Kirche und Gesellschaft.
Auf die wechselvolle Geschichte der Bezirkskantorate ging Diözesankirchenmusikdirektor Godehard Weithoff in seinem Grußwort ein. „Es bedurfte dringend einer zentralen Stelle für die Aus- und Weiterbildung“, betonte der Leiter des Amtes für Kirchenmusik in Freiburg. Die Einrichtung von Bezirkskantoraten war in seinen Augen deshalb wichtig und notwendig, um die Qualität der Kirchenmusik sicherzustellen.
Für die Zukunft sieht Weithoff neue Herausforderungen auf die Bezirkskantorate zukommen. Er ging davon aus, dass mit der Strukturreform in der Erzdiözese sich auch die Aufgabenbereiche verändern. „Wir müssen uns überlegen, welche neuen Anforderungen an die Bezirkskantorate gestellt werden und welche Ausbildungen nötig sind.“
„Eine lebendige Kirche entsteht nicht von allein. Sie braucht Menschen, die andere begeistern.“ Bürgermeisterstellvertreterin Ute Werr würdigte in ihrem Grußwort den „unschätzbaren Wert“ des Bezirkskantorats für Kirche und Gesellschaft. Die Kirchenmusik berührt ihren Angaben zufolge die Herzen der Menschen und gibt Halt und Hoffnung. Das kirchenmusikalische Angebot des Bezirkskantorats bereichere zudem die Kreisstadt kulturell, geistlich und menschlich. In den vergangenen 50 Jahren sei so ein starkes Netzwerk entstanden.
Als ein „Geschenk des Himmels“ bezeichnete Pfarrer Thomas Holler das Bezirkskantorat. Mit seinen Veranstaltungen bringe es in der Tiefe der Seele etwas zum Klingen, das der Mensch mit Worten nicht auszudrücken vermöge. Die Kirchenmusik ist in Hollers Augen ein integraler Bestandteil der Liturgie, weil sie Glaubensinhalte ganzheitlich vermitteln kann. „Auf diese Weise lassen sich auch Menschen erreichen, die der Kirche nicht so nahestehen.“
Musiziert wurde auch. Die Darbietungen machten deutlich, dass die Qualität der Ausbildung Früchte trägt. Rund 50 Sänger hatten sich zu einem Projektchor ehemaliger und aktueller Schüler des Bezirkskantorats vereinigt. Unterstützt wurden sie von Mitgliedern des Kirchenchores von St. Martin. Ein gemeinsamer Probentag genügte, um einen ausgezeichneten Vortrag zu gewährleisten.
Mit „Cantate Domino“ des litauischen Komponisten Vytautas Miškinis trug der Chor eine faszinierende und klanggewaltige Vertonung des lateinischen Psalms 96 vor. „Singt dem Herrn ein neues Lied und preist seinen Namen“: Mit diesem Vers formulierte die Sänger ein „Grundgesetz“ der Kirchenmusik. Er beinhaltet die Aufforderung zum Lobpreis und begründet theologisch die ständige Erneuerung und Weiterentwicklung musikalischer Ausdrucksformen im christlichen Glauben.
Als kunstvoll verschränkte Komposition erwies sich Johann Michael Bachs Motette „Halt, was du hast“. Die doppelchörige Struktur entwickelte eine faszinierende musikalische Spannung durch den Kontrast zwischen der mahnenden Aufforderung des Bibelverses, eitlen Freuden zu entsagen, und der tröstlichen Gewissheit, die Lebenskrone aus der Hand des Schöpfers zu empfangen.
Thomas Drescher, Michael Meuser und Julia Kohler übernahmen nicht nur abwechselnd die Leitung des Chores. Alle drei brillierten auch mit Solo-Darbietungen an der Winterhalter-Orgel.
Michael Meuser hatte Johann Sebastian Bachs strahlend-virtuoses Frühwerk „Toccata G-Dur“ (BWV 916) gewählt. Sein Orgelspiel verband improvisatorische Freiheit mit strenger Ordnung. Als wahrer Meister seines Fachs präsentierte sich auch Thomas Drescher. Johann Gottfried Walthers Variationen über „Jesu, meine Freude“ oszillierten zwischen meditativer Ruhe und freudiger Bewegtheit.
Die architektonische Strenge und orchestrale Klangfülle von Charles-Marie Widors „Allegro vivace“, dem ersten Satz der berühmten 5. Orgelsinfonie in f-Moll, op. 42,1, brachte Julia Kohler vollendet zur Geltung. Bravourös meisterte sie die hohen technischen Anforderungen im Hinblick auf die unabhängig voneinander agierenden Hände und Füße.
Als ein musikalischer Spaß erster Güte entpuppte sich Andreas Willschers Stück „Quasi Marcia“. Bei dem für das Orgelpedal solo zu sechs Füßen konzipierten Werk nahmen Thomas Drescher, Michael Meuser und Julia Kohler auf der beengten Orgelbank Platz, um gleichzeitig an einem Pedalwerk zu agieren. Die Koordination der sechs Füße auf engem Raum erforderte nicht nur technisches Können, sondern auch eine präzise Abstimmung der Spieler untereinander. Mit Begeisterung verfolgte das Publikum im Kirchenschiff die per Beamer in das Kirchenschiff übertragene, fast tänzerisch anmutende Darbietung.
Mit Josef Gabriel Rheinbergers „Abendlied“ beendete der Projektchor ein Konzert, das noch lange nachklingen wird. „Das Jubiläum ist nicht nur ein Anlass für einen dankbaren Rückblick“, machte Julia Kohler deutlich. Sie versprach, sich mit allen Kräften dafür einzusetzen, dass die Musica Sacra ein lebendiger Teil der Region Odenwald/Tauber bleibt.